Freitagsklick. Partnerland Kolumbien: Der lange Weg zum Frieden

Fri Apr 06 08:00:00 CEST 2018
Bewegte Zeiten in Kolumbien: Wie schafft man Frieden nach einem langen Bürgerkrieg? Wie baut man eine Zivilgesellschaft auf? Diese Fragen bewegten Esther Henning und Sabine Terlau im März auf einer Reise ins Partnerland Kolumbien. Auf dem Programm standen: Tänze, Putzmittel, Vorstandswahlen, Sitzungen, Kolping-Projekte und viele Gespräche.

Esther, was hast Du in Kolumbien erlebt?

Wir waren in einer politisch sehr spannenden Zeit in Kolumbien: Während sich in Deutschland das Kabinett bildete, hat Kolumbien am 12. März eine neue Regierung gewählt. Die Wahlen haben gezeigt, wie schwer es ist, die Rebellen der FARC politisch zu integrieren. Der Bürgerkrieg hat tiefe Wunden in der Gesellschaft hinterlassen.

Kanntest Du das Land schon vorher?

Ja, ich habe am Ende meines Studiums bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ein Praktikum absolviert. Es ging darum, binnenvertriebenen Frauen, die vor der Gewalt geflohen waren, eine Perspektive zu schaffen. Daher waren mit Projekte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und verschiedene Akteure in Kolumbien schon aus einer anderen Perspektive vertraut.

 

Wie bist Du darauf gekommen, bei Kolping die Partnerschaftsarbeit fortzusetzen?

Ich finde es toll, dauerhaft mit einem anderen Land im Kontakt zu sein. Nur auf lange Sicht kann man eine nachhaltige Veränderung schaffen. Ich möchte Themen diskutieren, die uns in beiden Ländern beschäftigen. Der Umgang mit Schuld und Vergebung ist auch ein deutsches Thema – in Bezug auf den Nationalsozialismus und die DDR.

Welche Themen bewegen die Kolpingsfamilien in Kolumbien?

Natürlich ist die Sicherung der eigenen Existenz für viele Kolpingsfamilien ein wichtiges Thema. Wir waren in der Region Meta. Dort gibt es die KF „Manos emprendedoras“ – die „unternehmungslustigen Hände“. Die Kolpingsfamilie hat sich mit der Absicht gebildet, das Einkommen ihrer Mitglieder zu verbessern und eine gemeinsame Geschäftsidee zu verfolgen. Die fünfzehn Erwachsenen stellen Putzmittel her. Die Mitglieder haben sich ein Ladenlokal gemietet, in dem sie die Putzmittel anrühren und verkaufen die Putzmittel in der Nachbarschaft.

Das Geschäftsmodell kennen wir auch schon aus Bogotá.

Ja, das Konzept wurde kopiert. Drei oder vier Kolpingsfamilien machen das jetzt und tauschen untereinander Rezepturen für Putzmittel aus. Jetzt arbeiten sie am nächsten Schritt: Sie sind gerade dabei, eine Lizenz zu erwerben, damit sie die Putzmittel auch an Supermärkte vermarkten können.

 

Also ist eine Kolpingsfamilie in Kolumbien eher eine Wirtschaftsgemeinschaft?

Nein, das kann man nicht allgemein sagen. Es gibt auch Kolpingsfamilien, die unseren hier ziemlich ähnlich sind. In der Nähe von Bogotá gibt es eine Kolpingsfamilie mit älteren Mitgliedern, die sich zur Freizeitgestaltung treffen. Es wird getanzt – sogar in selbst genähten Orange-weiß-schwarzen Kolping-Trachten. Man unternimmt gemeinsame Ausflüge - die Gruppe gibt Sicherheit und Langeweile bleibt ein Fremdwort.

Ist Alterseinsamkeit in Kolumbien auch so ein großes Thema wie bei uns?

Ich denke schon. Da sollte man sich keine allzu romantischen Vorstellungen machen. Es gibt auch in Kolumbien viele alte Menschen, die zurück gelassen werden.

Engagieren sich mehrheitlich Frauen im Kolpingwerk Kolumbien?

In der Mehrzahl sind es Frauen, aber im Vorstand engagieren sich auch einige Männer. Vor allem junge Männer! Das macht Mut! In Kolumbien gibt es keine Zweiteilung wie in Deutschland zwischen Kolpingjugend und dem Erwachsenenverband.

Ist das eine gute Struktur?

Die Familienidee ist dann besser verkörpert, weil sich alle Generationen zusammenraufen müssen. Deshalb übernehmen viele junge Menschen im Vorstand Verantwortung. Der neue Vorsitzende des Kolpingwerks Kolumbien ist erst 22 Jahre alt.

 

Kolping Kolumbien unterstützt Schulen, engagiert sich im Sozialzentrum in Usme, Kolpingsfamilien gründen sich zur Existenzsicherung – welcher Bereich ist in Deiner Wahrnehmung besonders zukunftsweisend?

Ich finde, das Kolpingwerk kann dort einen großen Beitrag zum Aufbau einer friedlichen Zivilgesellschaft leisten. Denn egal, auf welcher Seite man im Bürgerkrieg gestanden hat: Bei Kolping können beide Fraktionen mitmachen. Das Kolpingwerk kann die Plattform sein, wo die Gesellschaft zusammen wachsen kann, wo Schwierigkeiten überwunden werden.

Wie könnte man das erreichen?

Das Kolpingwerk Kolumbien müsste zu einem starken Laienverband werden, der auch politisch Verantwortung übernimmt. Aber das ist wahrscheinlich am schwierigsten aufzubauen.

Was hält Menschen in Kolumbien vom politischen Engagement ab?

Sie fühlen sich ohnmächtig angesichts von Korruption und Vetternwirtschaft. Politik ist in Kolumbien traditionell der privilegierten Oberschicht vorbehalten. Die Menschen, die wir getroffen haben, könnten vieles zum Besseren wenden! Sie zu politischem Engagement zu bewegen und zu befähigen – das wäre für mich eine spannende Verbandsaufgabe! Denn mit unseren geschichtlichen Erfahrungen könnten wir uns inhaltlich sehr gut austauschen! So stelle ich mir Partnerschaftsarbeit vor: dass beide Seiten miteinander ihre Erfahrungen teilen, dabei voneinander lernen können und gemeinsam mit unseren christlichen Werten am Aufbau einer solidarischen Gesellschaft mitwirken.

Vielen Dank für das Gespräch, Esther!

Das Gespräch führte Bettina Weise.

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