Freitagsklick: Mit der Kolpingjugend durch Lima

Fri Oct 20 08:00:00 CEST 2017
Häusermeer, Wüste, viele nette Menschen und oft auch nur kaltes Wasser: Auf einer Begegnungsreise mit der Kolpingjugend Deutschland durch Lima konnte ich Land, Leute und ein Adveniat-Projekt kennenlernen.

Völlig übermüdet in einen Flieger ans andere Ende der Welt steigen hat auch seine Vorteile: Der Schlafrhythmus ist sowieso schon aus dem Takt und für Aufregung ist auch wenig Zeit. So war ich aber doch ganz froh, als wir nach dem langen Flug endlich in Lima in unserer Unterkunft in einem Kloster angekommen waren. Die ersten Tage standen unter dem Motto, das Land kennenzulernen. Natürlich inklusive Stadtrundfahrt.

Schon auf dem Weg vom Flughafen konnte man sehen, dass man es mit anderen Verhältnissen zu tun hat, als man sie in Europa kennt. Häuser, die eher Hütten sind, sind keine Seltenheit. Nicht jedes Haus hat ein Dach. Die Gespräche,  die wir mit drei Menschen aus Lima geführt haben, bestätigten den Eindruck: In Peru herrschen schwierige Verhältnisse. Viele Menschen leben in Armut und auch politisch ist es nicht leicht. Gefühlt sitzt jeder Ex-Ministerpräsident im Gefängnis.

Umso spannender war es dann, in die Projekte zu fahren und zu sehen, wie die Leute wirklich leben. Eine Gruppe besuchte ein Männergefängnis, meine Gruppe fuhr in eine Großpfarrei. Dort haben wir bei verschiedenen Aktivitäten der Gemeinde mitgemacht, die für eine Fläche, die man mit bloßem Auge kaum von den höchsten Punkten überblicken kann, drei Priester hat.

Die erste Fahrt durch die Gemeinde ging in die Gebiete, in denen Menschen in extremer Armut wohnen. Lima besteht eigentlich nur aus Wüste. Und so war auch kein fester Untergrund zu sehen. Der Kleinbus fuhr trotzdem und Häuser werden auch darauf gebaut - aus Wellblech, Holzplatten oder was man sonst so finden kann. Fließendes Wasser zu installieren ist schwierig bis unmöglich.

Danach gingen wir auf einen  Krankenbesuch. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man kein Spanisch spricht! Und noch schwieriger ist es zu sehen, wie schlecht es Menschen mit Krankheiten geht, die in Deutschland gut behandelt werden könnten. Und alles ist kalt. Es gibt in Peru keine Heizungen. Alte und Kranke liegen oft ganz alleine in kalten heruntergekommenen „Zimmern“, weil ihre Familien entweder den ganzen Tag arbeiten müssen, um etwas Geld zu verdienen oder sich nicht mehr um sie kümmern, weil sie ihre eigenen Probleme haben. Da wird einem immer wieder bewusst, was das deutsche Sozialsystem doch für einen Wert hat.

Am Abend wurde es noch aufregender. Wir wurden nämlich in Gastfamilien untergebracht. Wie erwähnt, ich spreche kein Spanisch. Aber Hände, Füße und Google-Übersetzter machen einem das Leben leichter. Und ich habe nicht nur einige Worte Spanisch, sondern auch noch Quecha gelernt. Das ist die Sprache, die noch von den Inka stammt und in den Anden noch häufig gesprochen wird. Meine Gast-Großeltern stammen von dort. Wie schade, dass ich nicht mehr über ihr Leben fragen konnte! Aber wir wurden sehr herzlich aufgenommen und natürlich gab es viel zu viel zu essen. Obwohl der Pfarrer den Gastfamilien gesteckt hatte, dass man in Deutschland abends eher Brot ißt, gab es Unmengen an Reis und Hühnchen. (Das hat uns übrigens die ganze Zeit verfolgt. In allen Variationen.)

Am nächsten Tag lernten wir die jüngsten Gemeindemitglieder kennen. Die Kinder waren unglaublich aufgeweckt und haben sich wahnsinnig gefreut, dass wir sie besucht haben. Auch wenn wir mit ihnen nicht viel reden konnten: Spielen geht auch ohne Worte. Wir spielten Spieleolympiade, Memory und brachten ihnen Plumpsack bei. Hausaufgabenbetreuung ist da schon schwieriger. Erst musste ich lesen üben und habe einen Rüffel dafür gekriegt wie furchtbar mein „R“ ist. Dann musste das Kind mir vorlesen. Das mit dem „R“ hat immer noch nicht richtig funktioniert, aber den Rest haben wir hingekriegt. Ich habe mich oft geärgert, dass ich weder die Mittel noch die Worte hatte, um den Kindern helfen zu können. Teilweise ist es dort schon an Blatt und Stift gescheitert.

In dem Moment musste ich oft an die Kinder aus Blumenberg oder der Dortmunder Brennpunktschule denken, wo ich Sprachunterricht gegeben habe. Man darf in solchen Situationen nicht denken, dass es solche Schwierigkeiten nur in weiter Ferne gibt.

Am Nachmittag besuchten wir mit der Sozialarbeiterin Familien ganz oben in den Sandbergen. Es ist alles gut gegangen, auch wenn mir zwischendurch mal der halbe Weg unterm Fuß weggerutscht ist und dieser Teil einer anderen Teilnehmerin eine Kurve tiefer vor die Füße fiel. Damit müssen die Kinder täglich auf dem Weg zur Schule zurechtkommen! Die Kinder waren wieder richtig enthusiastisch. Beim Spiel „Wer kann am schnellsten die Puppe anziehen“ haben alle mit Freuden mitgemacht. Keiner der Jungen hat sich beschwert, dass man nicht mit Puppen spielt. In den Raum, in dem sich die Kinder mit der Sozialarbeiterin getroffen haben, hätte man in Deutschland keine Kinder hinein gelassen. Überall lagen Ziegelsteine herum und Kabel hingen von der Wand. Aber in Peru macht man das Beste daraus und lässt sich nicht von irgendwelchen Vorgaben aufhalten. Dann ginge da nämlich nichts mehr.

Genauso würde nichts mehr gehen, wenn es nicht die ganzen Ehrenamtler geben würde. Außer der Sozialarbeiterin gestalten alle Menschen in ihrer Freizeit die Gemeinde mit. Es gibt ein Team aus Katecheten, eine Familienkreis, Musiker und soziale Dienste. Die Priester verlassen sich darauf, dass alles läuft und lassen die Leute machen. Sie sind für zwölf Kirchen zuständig. Da kann man nicht überall dabei sein. Wenn der Priester mal nicht auftaucht, weil er im Stau steht oder es eine Termindopplung gibt, dann ist das kein Problem, weil ja eh eine Gruppe aus der Gemeinde den Gottesdienst vorbereitet hat und dann macht man halt einen Wortgottesdienst. Von diesem Engagement und der Wertschätzung der Laien können wir uns hier in Deutschland mal eine dicke Scheibe abschneiden. Die bunten, sehr lebensecht gestalteten Heiligenfiguren der lateinamerikanischen Kirche brauche ich in Deutschland wirklich nicht, aber diesen Teil der Kirche hätte ich gerne in den Koffer gepackt. Es ist auch immer wieder schön zu sehen, was man an der Liturgie hat. Man versteht kein Wort, aber weiß trotzdem genau was passiert und fühlt sich zu Hause.

Am nächsten Tag ging es dann wieder zur Hausaufgabenbetreuung. Hier wunderten wir uns, dass so viele Kinder fehlten. Kein Wunder: der Wassertankwagen war noch nicht in die höher gelegenen Gebiete gekommen und so mussten die Kinder noch warten, bis sie sich waschen konnten. Die Kinder gehen nämlich nachmittags zur Schule. Die Schulen sind so groß, dass die erste Hälfte morgens geht und die anderen Kinder danach kommen.

Am Nachmittag besuchten wir das Adveniat-Projekt: die Casa de los talentos. In Deutschland würde man so etwas einen Jugendtreff oder eine offene Tür nennen. Ähnlich wie in Blumenberg, nur viel größer. Die Kinder kommen spielen und quatschen, es gibt Tanz- und Ballett-Unterricht und das Highlight sind die sancos- zu Deutsch „Stelzen“. Die werden an die Füße geschnallt und sind teilweise richtig hoch. Dann soll man damit laufen. Das hab ich mir nicht zugetraut. Ich war lieber Stütze für die Kinder. Auch wenn ein Kind die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, als ich ihm klarmachte, dass ich kein Spanisch kann. Und dass es in Lima richtig kalt war, war auch kein Problem, denn wir wurden direkt zum Mittanzen verdonnert. Naja, wir haben unser Bestes gegeben, aber bei den Kindern sah das schon besser aus.

Nach dem letzten gemeinsamen Abend kamen wir wieder in die Familien. Bei uns war Katecheten-Treffen. Die Katecheten waren zwischen 16 und 26 Jahren alt und haben bei uns einen Filmabend gemacht, weil die Eltern weg waren. Es war wie zu Hause: Jugendliche quetschen sich auf zwei Couches, knabbern Snacks, schauen Filme und haben Spaß. Hätte es englische Untertitel gegeben, hätte ich gedacht, ich bin in Deutschland.

Dann mussten wir uns von den Gastfamilien verabschieden. Das war schade, aber mit modernen Medien kann man ja versuchen, in Kontakt zu bleiben. Nach einer kleinen Messe in der Kapelle vom Pfarrhaus kamen wir zurück in unsere Unterkunft, wo wir uns sehr über das warme Wasser zum Duschen gefreut haben.

Danach hatten wir noch circa 24 Stunden Zeit bis zur Generalversammlung. Natürlich war das viel zu wenig Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Versucht haben wir es trotzdem und spannende Gespräche geführt. Diese ganzen Erlebnisse haben wir dann mit in die Generalversammlung genommen, deren Tagungsort für uns so gar nicht nach Lima passte. Verputzte Häuser und normale Dächer hatten wir sonst kaum gesehen, auch keinen grünen Rasen und Bäume. Hier gingen die spannenden Begegnungen weiter. Die Kolping-Weltfamilie mal live mitzubekommen, war großartig. Es war beeindruckend zu sehen, wie nach einem Weg gesucht wird, wie wir miteinander auskommen können, ohne die verschiedenen Nationen und Kulturen zu verletzen. Und es geht! Wenn man nur will. Wir als Kolpinger sollten da auch in Deutschland mit gutem Beispiel voran gehen.

In der Schule und Uni habe ich gelernt, dass an diese Stelle ein Fazit gehört. Das ist hier schwierig. Ich habe viel erlebt und viel gelernt und sicher auch viel mitgenommen. Aber was das so genau ist, werde ich wahrscheinlich erst in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren wissen. Sicher ist: Ich habe den deutschen Luxus wieder sehr zu schätzen gelernt. Es hat schon viel für sich, wenn man weiß, dass man versorgt wird, wenn man krank ist und auch was zu essen bekommt. Und ja, ich gebe es zu: Ich bin definitiv ein Warmduscher!

Gerne komme ich zu Euch in die Kolpingsfamilie, um von meiner Reise zu berichten. Ihr erreicht mich am besten per Mail: sforst@kolping-koeln.de

Sarah Forst

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