Freitagsklick - Kolping on Tour: Ein Verband lebt von Begegnungen!

Fri Sep 14 08:00:00 CEST 2018
"Bis Dresden sind wir gekommen - aber weiter noch nie!", sagten viele Görlitzfahrer in der Vorstellungsrunde. Einunddreißig Kolpinger waren in der ersten Septemberwoche unterwegs in der Oberlausitz, um Kolpinggeschwister zu treffen und die Grenzregion an der Neiße zu erkunden - mit freundlicher Unterstützung des Bonifatiuswerks.

„Sabine, bitte zähle die Häupter deiner Lieben!“ – diese Ansage aus dem „Cockpit“ des komfortablen Reisebusses war der Auftakt zu jeder Unternehmung. Ein Phänomen dieser unternehmungslustigen Kolpinggruppe war: Alle schafften es, eine Woche lang stets pünktlich im Bus zu sitzen! Ein enorm abwechslungsreiches Programm lockte. Aber der rote Faden waren nicht Sightseeing und Kulturgenuss, sondern Begegnung und Austausch mit Kolpingern und ein besseres Verständnis für die Mentalität der Menschen und die Geschichte und des Glaubens dieser Region. Anlass war das 160jährige Jubiläum des Diözesanverbands Köln.

Görlitz, die Schöne an der Neiße

Görlitz, die wunderschöne Stadt an der Neiße, besuchten wir gleich zwei Mal. [ST1] Flüsterbogen, Biblisches Haus, der Schönhof, die Jakobuskirche und St. Peter, die herrlichen Villen der Gründerzeit - wir haben viel gesehen und doch nur das wichtigste angetippt. Die komplexe Geschichte dieser Region wurde im Schlesischen Museum deutlich: kulturell und politisch trafen hier böhmische, sächsische, preußische, schlesische, sorbische und polnische Einflüsse und Ansprüche aufeinander.

Schloss Lomnitz im Hirschberger Tal

Wechselnde Herrscher bedeuteten für Christen oft: Wechsel der Konfession. Wie das praktisch aussah, erfuhren wir in Polen im Schloss Lomnitz: Im Keller des liebevoll restaurierten Schlosses fanden Handwerker neben dem Gemüsekeller eine Nische, in der wohl vor etwa 200 Jahren heimlich protestantische Gottesdienste gefeiert wurden – nachdem man die katholische Sonntagsmesse besucht hatte. Nach einer Führung durch Schloss und Park fühlten wir uns für eine Stunde wie Schlossbewohner: Wir tafelten im „Blauen Saal“ und genossen schlesische Klöße mit Braten und Sauerkraut.

Sorben

Was für ein Anblick: Auf dem sorbischen Friedhof stehen hunderte weiße Kreuze, akkurat aufgereiht, darauf goldene Korpusse Christi, der Name und die Lebensdaten des Verstorbenen. Der sorbische Pfarrer Gabriel Nawka fuhr mit uns durch das „Land der tausend Kreuze“.  In vielen Vorgärten stehen Kruzifixe. „Hier gibt es echte Volksfrömmigkeit – jeder zweite ist hier praktizierender Katholik“, sagte Gabriel Nawka. Bei der Wallfahrt zur Marienquelle in Rosenthal rechnet man in der Regel mit fünf- bis sechstausend Pilgern im Jahr. Diese Zahlen brachten einige Besucher aus dem „hillije Köln“ ins Grübeln.

Die strenge Mittagsfrau

Im „Sorbischen Museum“ in Bautzen erfuhren wir, dass es unter den etwa 60.000 Sorben zwischen Bautzen und Spreewald sowohl Katholiken als auch Protestanten gibt, dass man Obersorbisch und Niedersorbisch unterscheidet und dass man zwischen 12 und 13 Uhr nicht arbeiten soll, denn sonst könnte die sagenhafte „Mittagsfrau“ erscheinen, die die Missachtung der Mittagspause mit dem Tod bestrafen könne.

Im Stasi-Knast

Auch das gehört zu Bautzen: Wir besuchten hier die ehemalige Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit für politische Häftlinge. Mitten im Stadtzentrum, auf der Rückseite des Gerichts befindet sich die Gedenkstätte Bautzen II. Bis zu 200 Sondergefangene verbüßten hier lange Haftstrafen – wegen versuchter Republikflucht, wegen der Sehnsucht nach Freiheit, wegen politischem Widerstand. Die Bevölkerung bekam davon wenig mit. Gefangenentransporte wurden als Obst- und Gemüselieferungen getarnt, in der Nachbarschaft wohnten linientreue Mitarbeiter und Mitläufer. Beim Gang durch die Zellentrakte sahen wir Hinweistafeln auf Namen, Gesichter, Schicksale. Der Isolationstrakt. Die Sonderhaftanstalt der Staatssicherheit – „Bautzen II“ – zeigt die Wunden unserer jüngeren deutschen Geschichte. Beklemmend, bedrückend und unbedingt sehenswert.

Begegnungen bei Kölsch

Trotzdem ist der „Aufschwung Ost“ an vielen Orten sichtbar: Das Kloster Marienthal, unsere Unterkunft, war vor der Wende ein vergessenes Kleinod. Die Zisterzienserinnen betrieben hier Landwirtschaft, doch das war auf Dauer nicht zukunftsfähig. Nun kann man in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden preiswert und gut wohnen und Tagen – sehr empfehlenswert!
In unserem Tagungsraum feierten wir unser „Fest der Begegnung“ mit  30  Kolping-Gästen aus der Umgebung. Nach einem gemeinsamen Abendessen schlugen die beiden Diözesanpräsides Peter Jansen (Köln) und Dr. Wolfgang Kresak (Görlitz) das erste Kölschfass an. „Wir sind ein Verband, der von Begegnungen lebt! Begegnung ist unsere Antwort auf den Ungeist dieser Tage! Wir setzen den heiligen Geist dagegen!“, sagte Wolfgang Kresak und verwies auf die Krawalle in Chemnitz. Bald waren Kolpinger aus Rheinland und Lausitz in Gespräche über Gott und die Welt vertieft. „Das macht unseren Verband aus: unter Kolpingern hat man oft die gleiche Wellenlänge!“, meinte Diözesanvorsitzender Martin Rose.

Herrnhuter Sterne - Herrnhuter Brüdergemeine

Das war ein Tipp der Görlitzer: Ein Besuch in Herrnhut. Hier werden die Herrnhuter Sterne in Handarbeit hergestellt. Was für eine spannende Geschichte dahinter steckt, erfuhren wir in der Schauwerkstatt der Sterne-Manufaktur. Die Herrnhuter Brüdergemeine kam vor über 200 Jahren aus Böhmen und ließ sich hier nieder. Sie ist eine überkonfessionell-christliche Gemeinschaft, die weltweit eine Million Mitglieder hat. Die wunderschönen Sterne hat ein Herrnhuter Mathematiklehrer erfunden, um seinen Schüler geometrische Formen nahe zu bringen. Heute sind die Herrnhuter Sterne ein weltweiter Exportschlager, die Manufaktur ein Jobmotor in der Region. Viele von uns verließen Herrnhut mit vollen Einkaufstüten und weihnachtlicher Vorfreude.

Strahlende Augen und verrußte Hemden

Diesem Highlight zum Abschluss unserer Reise fieberten einige Mitfahrer entgegen: Wir fuhren mit der Schmalspureisenbahn von Oybin nach Zittau. Die Dampflok nahm uns mit auf eine Zeitreise. Wer sich für den offenen Waggon entschieden hatte, war am Ziel mit einer leichten, authentischen  Rußschicht bedeckt.

Ein Fastentuch für die Sauna?

Das große Zittauer Fastentuch hat in den letzten 500 Jahren schon einiges mitgemacht: es hat Brände überstanden, wurde von sowjetischen Truppen als Saunatuch zweckentfremdet und hat chemische Reinigungen überstanden. Dafür sind viele der 90 biblischen Darstellungen erstaunlich gut erhalten. Wir konnten es in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Zittau in der größten Museumsvitrine der Welt bestaunen.
Fazit
„Wenn Ihr sowas nochmal macht, sagt Bescheid: Wir kommen sofort wieder mit!“ - In der Schlussrunde am letzten Abend gab es viele positive Rückmeldungen für die drei Organisatoren der Reise: Martin Rose, Sabine Terlau und Bettina Weise. Besonders wertvoll waren den Görlitzfahrern die täglichen Impulse von Diözesanpräses Peter Jansen, mit denen wir in den Tag starteten. Die Mischung macht‘s: Wir haben auf unserer Reise viele Themen angetippt, die für viele von uns neu und spannend waren, haben Menschen kennengelernt, die wir alleine nie getroffen hätten, haben unseren Blick geweitet – und uns in einer wunderbaren, harmonischen Reisegruppe wohlgefühlt! Jederzeit gerne wieder!


Text: Kolpingwerk DV Köln/Bettina Weise
Fotos: Reinhard Ahrens/Sabine Terlau/Bettina Weise

Zurück